Den Geist verwurzeln
Als ich in Jahr 1992 meine ersten Alexandertechnik-Stunden nahm, war ich körperlich als auch geistig in sehr schlechter Verfassung.
Mein Rücken schmerzte täglich und an jedem Abend überfielen mich depressive Stimmungen. Auch meine berufliche Zukunft sah nicht rosig aus. Ich wollte unbedingt an der Musikhochschule Schlagzeug studieren, aber die Aufnahmeprüfung war einfach nicht zu schaffen. Ich übte verbissen mehrere Stunden täglich, aber statt besser zu werden wurde ich immer schlechter. Auf der Bühne schwitzten und zitterten meine Hände und die Angst hatte mich fest in ihren Krallen.
Dann nahm ich meine ersten Alexanderstunden.
Als erstes besserten sich meine Rückenschmerzen. Mein Lehrer führte mich durch Bewegungen, die meine Muskulatur ausbalancierten und meine Haltung aufrichteten. Das heißt, die neuen Bewegungen richteten mich ganz von selbst auf. Nach kurzer Zeit konnte ich mich auch ohne meinen Lehrer auf die neue Art bewegen.
Der nächste Durchbruch war, die Kontrolle über meine Depressionen zu bekommen. Ich merkte, daß ich die Gedanken von Verzweiflung und Ausweglosigkeit stoppen konnte, wenn sich mein Körper durch die neuen Bewegungen aufrichtete. Wie das funktionierte war mir damals noch völlig unklar, aber es klappte jedes Mal. Ich fühlte intuitiv, daß ich mit einer Technik in Kontakt gekommen war, in der sich ein riesiges Potential verbarg. Das wollte ich genau wissen. Ich entschied mich, Alexanderlehrer zu werden.
Jetzt wurde es erst richtig spannend.
Natürlich wollte ich auch meine Bühnenpanik und meine Lernschwierigkeiten am Instrument überwinden. Die klassische Arbeit meines Lehrers half mir nur wenig. Aber mein Denken kreiste weiter um die Prinzipien der Alexandertechnik und hier lag auch die Lösung.
Meine bisherigen Lernstrategien waren Konzentration, Willenskraft und Anstrengung gewesen. Das hatte ich ja so in der Schule gelernt. Und auch heute noch wird in unseren Schulen eine ungesunde Art der Konzentration als Lernstrategie gelehrt.
Doch was passiert hier genau?
Wenn man sich konzentriert, versucht man gemeinhin die Wahrnehmung zu reduzieren. Das hat man sich nach ein paar Jahren angewöhnt und Konzentrieren wird zur unbewußten Gewohnheit. Das Dumme ist nur, daß man im konzentriertem Zustand so gut wie keine Eigenwahrnehmung mehr hat.
Oder haben Sie sich klar wahrgenommen, während Sie diesen Artikel gelesen haben? Haben Sie darauf geachtet, ob Ihre Atmung tief und ruhig ist oder ob sich ihre Schultern anspannen? Man kann nicht erwarten, daß der eigene Organismus gesund bleibt, wenn keiner da ist, der auf ihn achtet.
Aber es gibt noch viel gefährlichere Auswirkungen von Konzentration. Durch das ständige Ausblenden von Teilen der Wahrnehmung wird die Fähigkeit, den Geist im Hier und Jetzt zu halten, extrem geschädigt. Die Folge ist ein unkontrollierbares Erzeugen von geistigen Bildern und Gedanken.
Der eigene Organismus reagiert auf alle Bilder, die im Bewußtsein auftauchen. Ob diese real sind oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Haben Sie schon mal bei einem traurigem Fernsehfilm geweint oder bei einem Horrorfilm Angst gehabt? Dabei ist das Geschehen doch gar nicht real. Aber unser Organismus reagiert trotzdem, egal ob die Bilder aus dem Fernseher kommen oder durch unsere Gedanken gebildet werden. Wir sind dabei Projektor und Leinwand zugleich.
Jetzt wurde mir klar, warum damals meine Depressionen verschwunden waren. Meine körperliche Aufrichtung brachte meinen Geist in die Realität zurück.
Heute weiß ich, daß ein Verweilen in der Realität nur zusammen mit einer körperlichen Aufrichtung stattfinden kann. Viele Jugendliche und Erwachsene haben sich eine so schlechte Haltung angewöhnt, daß sie praktisch gezwungen sind, ständig die Welt der Träume und Gedanken aufzusuchen. Aber für die schönen Träume, die einen glücklich machen, muß man teuer bezahlen. Die Fähigkeit mit der Wahrnehmung im Hier und Jetzt zu verweilen leidet.
Sie können die Stabilität ihres Geistes ja einmal testen. Setzen Sie sich an einen ruhigen Ort und versuchen Sie ihren Geist in der Gegenwart zu halten. Beobachten Sie, wie lang es dauert, bis Sie von Ihren Gedanken davon getragen werden. Bei den meisten Erwachsenen ist dies schon nach Sekunden geschehen.
Durch meine Arbeit wird der Kontakt zur Wirklichkeit immer weiter gestärkt. Der Körper vitalisiert sich und bekommt seine natürliche Kraft und Aufrichtung zurück. Gleichermaßen reduzieren sich auch Gefühle wie Angst, Trauer, Wut und Verzweiflung, wenn es für diese in der Realität keine entsprechenden Gründe gibt.
Voraussetzung ist allerdings eine klare Entscheidung für ein Leben in der Wirklichkeit.


